Mittwoch, 4. Oktober 2017

Propagandhi – Victory Lap (Epitaph)

Über die Ausnahmestellung von Propagandhi muss anno 2017 nicht mehr viel gesagt werden – wenig andere Bands haben so viele Hörer politisch so aktiviert wie die Kanadier, kaum jemand sonst kann wütende und engagierte Inhalte so smart, vertrackt und doch mit Wortwitz und auf den Punkt verpacken. Und zu allem Überfluss fällt der Band auch nach so vielen Jahren genug ein, um auch eine neue Platte irgendwie anders und überraschend klingen zu lassen, ohne die eigenen Trademarks zu verlieren. Angesichts von Trump und Co wäre alles andere aber auch irgendwie überraschend gewesen.


Und „Victory Lap“ strotzt nur so vor zitatwürdigen Textzeilen, Ideen, Wut – und überraschend viel Melodie. Auch Propagandhi werden nämlich ein bisschen ruhiger. Das merkt man beim Titelstück noch nicht – das ist beste Band-Kost. Laut, schnell, vertrackt werden einem die Metal-Riffs um die Ohren gehauen, die Breaks eingestreut, der Punkrock hingerotzt: So viele Tempo- und Stilwechsel in einem Song, ohne dabei den roten Faden zu verlieren, können nicht viele andere Bands. Aber schon bei „Comply/Resist“ wird offensichtlich, dass sich die Band mehr Zeit und Ruhe nimmt, nachdenklicher klingt, dem Sarkasmus mehr Raum lässt. An anderer Stelle wird es fast schon unverschämt eingängig: „Cop Just Out Of Frame“ etwa ist hymnisch und könnte im Grunde, wäre da nicht diese kleine kurze Frickel-Einlage, auch von Hot Water Music sein.

Dann geht es Hit auf Hit weiter: „Letters To A Young Anus“, ein straighter und schneller Punkrocker in früher Bad-Religion-Manier, „Failed Imagineer“ mit seinem Mix aus Gefrickel und Hymne oder das fantastische Abschlussstück „Adventures In Zoochosis", das eine Minute lang Aussagen des US-Präsidenten für sich stehen lässt, um sich dann langsam zu einem groovenden Faust-Hoch-Stück mit denkwürdigem Text zu steigern.


„I think my only fear of death is that it may not be the end,  that we may be eternal beings and must do all of this again - oh please lord, let no such thing be true.” Denkwürdige Worte zum Ende einer denkwürdig guten Scheibe.


Kommentare:

  1. Musik ist ja bekanntlich Geschmackssache...
    Ich verfolge die Band schon seit dem ersten Album und fand die Weiterentwicklung beeindruckend.
    Das Album "Failed States" war in meinen Augen ein Meisterwerk, eine geniale Mischung aus schnellen, harten Krachern und schönen, melodischen Passagen, immer mit tollen Texten.
    "Victory Lap" ist ein lahmes Album zum Einschlafen, ohne große Abwechslung, ohne einen richtigen Kracher - leider eine totale Enttäuschung. Aber vielleicht waren auch meine Erwartungen nach dem wunderbaren Vorgänger einfach zu hoch.
    Natürlich steht es den Musikern zu, alt und lahm zu werden...ich bin gespannt, wie das nächste Album (ca. 2023) wird...Akustik, unplugged...Meditationsmusik? Mal sehen.

    Trotzdem danke an die tolle Seite wasteofmind, die ihr schon sooo lange am Laufen haltet! Vielen Dank!!!

    PS: Das Album heißt übrigens victory lap, nicht leap...

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  2. Erstmal danke für das Lob und den Hinweis - ist korrigiert:-)
    Es stimmt definitiv, die Platte ist über weite Strecken ruhiger, langsamer, und bei mir hat es auch mehrere Durchgänge gebraucht bis alle Songs gezündet haben, dafür dann umso mehr. Und vor allem bei Abwechslung würde ich massiv widersprechen, die Scheibe hat schon sehr sehr unterschiedliche Songs:-) Aber wie Du eingangs schreibst - ist eben Geschmackssache. Freuen wir uns also auf 2023!:-)

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  3. Ich kann Tito in allen Punkten zustimmen! Wer diese Platte "zum Einschlafen" findet, sollte sie einfach nochmal hören ;) Ich konnte mit den metallastigen Platten seit dem Ausstieg von John K. Samson nicht so viel anfangen und bin jetzt von Victory Lap absolut begeistert! Endlich werden wieder Melodien ausgepackt! Dazu das extrem variable, aber niemals überladene Songwriting. Herrlich!

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