Mittwoch, 29. April 2015

Verlorene Jungs im Interview


Eine halbe Ewigkeit hat es gedauert, bis mal wieder ein neues Lebenszeichen von Verlorene Jungs erscheint - was unter anderem daran lag dass man sich mit keinem Label einigen, am Ende erscheint ihr neues Album nun in Eigenregie. Was durchaus Sinn macht: Die Band passt meist nicht so richtig ins Raster - das sieht man schon daran, dass sie zuletzt ebenso mit Muff Potter, den Toten Hosen oder der Hamnburger Schule verglichen wurde. Wir trafen Frontmann Schwefel zum Interview.



Zunächst einmal die offensichtliche Frage: Man hat ja längere Zeit nichts von Euch gehört - was ist in der Zwischenzeit so alles passiert?

Ursprünglich sollte das Album 2012 erscheinen. Aber dann kamen interne Unstimmigkeiten auf. Wir konnten uns nicht einigen auf welches Label wir gehen sollten. Und die Plattenfirmen die für uns in Frage kamen, wollten uns nicht weil wir bei der Gema gemeldet sind. Das ist schon verrückt und jeder Künstler kann sich denken welche Gründe dort auf der Hand liegen...
Dies alles führte zu einer kompletten Resignation. Die finanziellen Mittel waren zu der Zeit nicht vorhanden um die Sache selbst in die Hand zu nehmen. Also lagen die Aufnahmen monatelang ungemastert in der Schublade. Bis wir uns im Sommer letzten Jahres trafen um noch einmal bei Null anzufangen....
Musikalisch hat Dom die Zeit genutzt sich um seine HC Band GO FOR IT! zu kümmern. Ich z.B. habe völlig Abstand vom Bandgeschehen genommen. Habe hier und da mal etwas komponiert und zwischenzeitlich mit Ole (ex-Massendefekt) ein paar Demos aufgenommen.
Die lange Pause hat aber durchaus etwas positives. Unsere Band hat genügend Abstand zum ganzen Szene-Geschehen bekommen und die Zeit ist genau die richtige dieses Album jetzt endlich auf unserem eigenen Label zu veröffentlichen.

Ihr hattet zuletzt immer wieder nachdenkliche, wütende oder traurige Songs auf den Alben, trotzdem wirkt das neue Album insgesamt doch wie euer dunkelstes - empfindet Ihr das selber auch so?

Ja, da hast Du völlig recht. Ist uns aber im Grunde erst hinterher aufgefallen. Die Songs werden nach und nach gesammelt und am Ende hast Du dieses Resultat ohne dir Gedanken zu machen, ob die Sache jetzt alles hat oder nicht. Bei uns gibt es kein Schema bezüglich der Themen und Stimmungen die ein Album haben muss. Von daher ist die Sache auch real. Wir sind keine Band die sich selbst feiern muss und darüber einen Song schreibt wie toll unsere Parties sind und was wir alles trinken können...Das sind wir nicht....vielleicht waren wir das vor über 10 Jahren...

"48 Stunden" ist einer meiner Lieblingssong auf der neuen Platte. Gab es einen bestimmten Auslöser, der Dich zu dem Text inspiriert hat?

Die Strophe und der Refrain stammen von Stefan. Ich habe den Text lediglich angepasst und meine Gedanken, die mir dazu kamen, in dem ruhigen Part verfasst. Jeder interpretiert Sachen für sich anders. Mich erinnerte das ganze an schwache Momente mit zu viel Alkohol und Linien legen in meiner Jugend.
Ich finde es wirklich erstaunlich das dieser Song sich insgesamt als mitunter zu den beliebtesten herauskristalisiert. Ich persönlich enpfand den gar nicht mal als wichtig und habe ihn Spielzeitbedingt sogar von der picture LP genommen. Das ist manchmal schon echt verrückt.

"Wahn und Lüge" gehört wahrscheinlich zu den Stücken auf dem Album, die Euch inhaltlich am wichtigsten sind - oder? Ich mag vor allem die Textzeile "Ich glaube fest an die Gerechtigkeit, die Korrektur kommt ganz zum Schluss". Ist die Musik da der beste Weg, um Euren Frust über aktuelle Politik abzubauen?

Frust trifft es da wirklich sehr gut. Das ganze Ding ist so dermaßen festgefahren. Es gibt doch im Grunde keine demokratische Lösung mehr, um hier irgendetwas wirklich zu verändern. Die Wirtschaft hat alles fest in der Hand. Selbst Politiker und Parteien, die etwas verändern wollen würden, hätten doch kaum Möglichkeiten. Der Kapitalismus hat alles so gefestigt und jede Veränderung wird mit Arbeitsplätzen, Sozialabbau oder sonstigen Ausreden wegerpresst. Aber was kann ich schon großartig dazu sagen? Ich bin nicht in der Position und verfüge auch nicht über das know how um Alternativen vorzulegen.
Ich nenne es Resignation die sich auch in mir breit macht. Ich war eine sehr lange Zeit von Sahra Wagenknecht überzeugt. Ich mochte ihre Ansichten und stand fast zu 100% dahinter. Dann Ende letzten Jahres sah ich das sie den Aufruf zum „Friedenswinter“ mit unterschrieben hatte wo Namen wie Ken Jebsen oder sonstige geistesschwache Verschwörungstheoretiker auftauchten...Anschließend sagte sie das ganze aus „terminlichen Gründen“ ab. Wer will hier eigentlich wen verarschen?
Im Grunde können wir selbst das beste aus dem Debakel machen und mit kleinen Mitteln gute Dinge vollbringen. Torsten z.B. hat vor zwei Jahren eine Patenschaft für ein Mädchen in West-Afrika übernommen und ermöglicht es ihr zur Schule zu gehen. Ich bin Fördermitglied bei Pro Asyl und versuche diesen Verein auch mit der Band finanziell zu unterstützen. Jeder kann so etwas tun. Auch wenn es nur ein einziges Produkt ist, das regelmäßig „bewusst“ eingekauft wird.

Ihr habt über die Jahre ja einen deutlichen Stilwandel durchgemacht - was ist Euer Eindruck, wie viele der Fans haben die Entwicklung mitvollzogen, und wie viele sind erst durch den neuen Sound auf Euch aufmerksam geworden?

Ich denke das Verhältnis liegt inzwischen so bei 50/50. Es gibt viele „alte“ Hörer, die unseren Weg akzeptieren und respektieren. Auf der anderen Seite sind da neue Menschen, die uns inzwischen sogar enttäuscht schreiben alte Alben von uns gekauft zu haben. Einen endgültigen Eindruck werden wir aber natürlich erst bekommen wenn wir wieder regelmäßig live spielen.
Aber es gibt natürlich auch Leute die in uns jetzt ein Feindbild sehen. Veränderung tut bekanntlich sehr häufig auch weh. Erschreckenderweise ist aber auch zu beobachten wie viele auf unserer Facebookseite abspringen, wenn wir uns klar gegen rechts positionieren. Ich hatte bisher nicht den Eindruck das wir in der Vergangenheit von so vielen Idioten gehört wurden. Umso besser das sie uns jetzt aus dem Weg gehen.

Wie steht Ihr denn heute zu euren früheren Alben? Mögt ihr die Songs noch, oder sind das eher Erinnerungen an eine vergangene Zeit?

Es gibt schon einige Songs, die ich nach wie vor sehr gut finde. Aber sehr viele kann ich auch nicht mehr ernst nehmen. Ich halte inzwischen nichts mehr von Werten wie stolz, Stärke und dem ganzen querfront Geschwafel. Das ist mit Mitte zwanzig sicherlich noch spannend. Aber wenn du älter wirst und deine 12 jährige Tochter sich schon darüber amüsiert, werden einem diese Nichtigkeiten ganz schnell bewusst.

Welche Scheiben inspirieren Euch aktuell am meisten?

Wir alle erfreuen uns derzeit an dem neuen ANTILOPEN GANG Album und waren auch auf dem Konzert in Düsseldorf. Das ist für unsere Musikrichtung natürlich nicht als Inspiration zu werten. Aber textlich weisen die Jungs so viel gutes auf. Da können wir echt eine Menge von lernen.
Musikalisch bin ich derzeit von der neuen Soko Platte „my dreams dictate my reality“ völlig begeistert.

Welche Erwartungen knüpft ihr jetzt nach der längeren Pause an die Albumveröffentlichung?

Wir wissen absolut nicht was da auf uns zukommen wird. wir sind schon sehr froh, wenn wir unsere Ausgaben für die CD wieder rein bekommen. Uns ist natürlich auch klar, warum fast alle kleinen Labels am Hungertod nagen. Ich hoffe den Menschen wird irgendwann bewusst werden, dass eine alternative Musikszene nur Leben kann, wenn für Ihre Songs auch mal Geld ausgegeben wird.

Noch etwas, das Euch wichtig ist?

Wir möchten uns bei allen Vorbestellern bedanken. Wir hätten es nicht für möglich gehalten nach wie vor so viele Unterstützer an unserer Seite zu haben. Vielen Dank!!!
Wir danken auch Dir für dieses Interview und den Support auf Eurer Seite.


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