Freitag, 3. August 2012

Punk- und Indie-Labels im Jahr 2012: Rookie Records im Interview

Wie können Plattenfirmen heutzutage noch überleben und macht Label-Machern ihr "Job" überhaupt noch Spaß? In unser Label-Interview-Reihe kommt heute Jürgen von Rookie Records zu Wort - schon seit 16 Jahren dabei und für unzählihe großartige Punkrock-Platten von I Walk The Line über Turbostaat bis hin zu Spermbirds und Pascow verantwortlich.

Jürgen - CDs kauft kaum noch jemand, mit Streaming-Diensten wie Spotify verdienen kleine Labels kaum Geld, immer mehr Bands bringen zudem ihre Alben lieber selber raus - macht es anno 2012 noch Spaß, ein Label zu machen?

Kann ich ganz klar mit JA beantworten. Allerdings brauche ich, um vom „Labelmachen“ leben zu können, weitere Standbeine. Dazu weiter unten mehr. Als reines Label, das nur von Plattenverkäufen lebt, braucht man Bands, die weit mehr als der Durchschnitt verkaufen.

Was sind aktuell die größten Herausforderungen für Dein Label?

Die Arbeit als Label ist komplexer geworden. Zu den klassischen Printmagazinen, mit denen man arbeitet, kommen mehr und mehr soziale Netzwerk und blogs. Muss man sich vorher ein paar ernsthafte Gedanken machen, wie man eine Kampagne plant und angeht.

Würdest Du das Label mit Deinem jetzigen Wissen nochmal gründen?

Ja! Ist meine Leidenschaft und Sucht zugleich. Aber ich würde es früher gründen.

Was war dein größter Fehler in all den Jahren?

Ich habe wohl zu lange gewartet, Platten auch digital anzubieten. Ich bin kein mp3 affiner Musikfan und habe dadurch erst spät gemerkt, dass es Leute gibt, die dieses Angebot gerne nutzen würden.

Das Thema Urheberrecht ist dank Piraten-Partei und Co ja derzeit überall präsent. Sven Regener hat vor kurzem dazu seine so genannte "Wut-Rede" gehalten und gesagt: "Die kleinen Labels sind alle weg. Was bleibt, ist Volksmusik, deutscher Schlager und Rockmusik für die Älteren" - hat er recht?

Kann ich so pauschal nicht unterschreiben. DIY/Subkultur wird es immer geben. Ob in diesen Strukturen eine Band dann von Musik leben kann, ist eine andere Frage. Ansonsten gibt es ja jetzt schon eine Kultur der Subventionen, das heißt selbst große Bands lassen sich Kohle zuschießen von Staat/Stadt/Land. Hab ich auch schon gemacht, denn dadurch hat man die Chance, auch mal was auszuprobieren, ohne Existenzängste zu haben, wenn sich das Projekt nicht so trägt wie gedacht.

Und nochmal Regener: Da es uncool sei, sich über Raubkopien aufzuregen "halten alle schön die Schnauze und schauen weiter zu, wie alles den Bach runter geht" -  im Punk- und Indie-Bereich wahrscheinlich schon, oder?

Ich setze keine Firmen oder Anwälte darauf an, Leute für illegales Runterladen abzumahnen. Aber sicher nicht aus dem Grund, weil Rookie Punkplatten veröffentlicht, sondern weil die Methode zweifelhaft ist. Ich habe aber auch keinen eloquenten Vorschlag, wie man die „Geiz/Umsonst ist geil Mentalität“ der jüngeren Generationen überwinden kann. Da redest du gegen eine Wand. Zu kurz gedacht, auch das meiste, was Piraten & Co. zum Thema so erzählen.

Ist Label-Machen heutzutage eher Hobby als eine echte Möglichkeit, seinen Lebensunterhalt damit zu bestreiten?

Für viele kleine ist und bleibt es ein Hobby, warum auch nicht. Die anderen müssen sich umschauen, sich fördern lassen (Initiative Musik, Hamburger Labelförderung), Schwarmfinanzierung betreiben oder sich breiter aufstellen, um Butter, Brot und Miete zu zahlen. Ich betreibe zusätzlich einen Musikverlag, mache ein bisschen Booking für Labelbands und Promotion für labelfremde Bands.

Was sagst Du einer Band, die der Meinung ist, dass man heutzutage als Musiker besser alles selber macht, als ein Label zu beauftragen?

Probieren geht über Studieren. Ich denke, die Erfahrung eines Labelmachers lässt sich mit nichts aufwiegen. Meist sind die Bands auch gar nicht willens, alles selbst zu machen. Entweder sind sie zu faul/zu beschäftigt, um sich in die Materie einzuarbeiten oder wollen sich schlicht auf die Musik konzentrieren. Wollen sich Bands wirklich selbst anpreisen wie Sauerbier, wie uns das die Piraten teilweise erzählen wollen? Man sollte mal eine Umfrage zum Thema starten.

Sind Vinyl, hochwertige Sammler-Editionen und Merchandise eine Lösung - oder auch nur der berühmte Tropfen auf den heißen Stein?

Hochwertiges Vinyl oder Sammlerkram können die Verluste sicher nicht alleine auffangen. Merchandise kann den großen Bands sicher helfen. Aber soll sich das Label daran auch noch Anteile sichern? Bands mit einem gewissen Bekanntheitsgrad können sich durch eigenständiges Ticketing ein paar gute Euro dazuverdienen. Auch der Bookingbereich bietet nach wie vor Möglichkeiten.

Wo siehst Du Dein Label in zwei oder drei Jahren?

Ich strebe ein kleines aber feines Labelprogramm an, mit weniger Bands insgesamt, die aber intensiver in allen Fragen unterstützt werden. Also werden dann eventuell auch Managementaufgaben von Rookie übernommen.

Ein guter Freund kommt zu Dir und sagt, er startet jetzt sein eigenes Label, weil er so viele gute Musiker kennt, die er veröffentlichen möchte. Was rätst Du ihm?

Er soll’s probieren, wenn er wenigsten ein bisschen Ahnung von „Handel/Marketing“ und genügend Rücklagen hat. Auf Pump kann man das aber wirklich niemand empfehlen.

Noch etwas, das Dir zu diesem Thema wichtig ist?

Glaubt nicht alles, was euch Populisten einreden wollen. Facebook likes sind schnell und einfach verteilt, aber die Probleme selbst aufdröseln und hinterfragen ist aufwendig. Macht euch schlau und schaut auch über den Tellerrand.
„Musik ist Trumpf, Musik ist Trumpf für jeden ... Musik ist Trumpf im Leben, sie wird es immer geben, so lang der Globus sich noch dreht.“

www.rookierecords.de

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