Dienstag, 10. Juli 2012

Punk- und Indie-Labels im Jahr 2012: Nois-O-lution im Interview

Wenn keiner mehr bereit ist, für Musik Geld auszugeben - wie kann man dann als Plattenfirma noch überleben? Haben Label-Macher 2012 überhaupt noch Spaß an ihrer Arbeit? Und braucht man Plattenfirmen eigentlich noch, wenn immer mehr Bands alles selber machen wollen? In einer Interview-Serie haben wir mehrere Macher von sympathischen und guten Indie- und Punk-Labels gefragt, was so ihre größten Sorgen, Probleme und Herausforderungen sind, aber auch, was sie motiviert, immer weiter zu machen. Für den ersten Teil der Reihe sprachen wir mit Arne Gesemann von Nois-Ol-ution - einem Label, das seit satten 18 Jahren dabei ist und über die Zeit unzählige großartige Scheiben von Bands wie Harmful, Blackmail, Steakknife, Smoke Blow oder Firewater veröffentlicht hat.

Arne, CDs kauft kaum noch jemand, mit Streaming-Diensten wie Spotify verdienen kleine Labels kaum Geld, immer mehr Bands bringen zudem ihre Alben lieber selber raus - macht es anno 2012 noch Spaß, ein Label zu machen?

ARNE / NOISOLUTION: Das ist ne gute Frage, denn ich weiß es selber nicht richtig beziehungsweise könnte dir gegensätzliche Antworten geben, je nach Tageszeit, Wochentag, Monat. Das heißt, ich verliere schon manchmal den großen Spaß und die Motivation, wenn ich sehe, wie wenig Respekt Musik und Musikern und somit auch meiner Arbeit entgegengebracht wird. Und dennoch ist es ein großer Spaß, diesen Job zu machen und mit Musikern zu arbeiten, tolle Musik zu entdecken und zu betreuen. Unterm Strich ein guter Job, der ein gutes Produkt auf die Welt schmeißt….

Was sind aktuell die größten Herausforderungen für Dein Label?

Im Prinzip ist es immer das größte Problem, unterm Strich auch Geld zu verdienen. Und damit meine ich nicht nur, erfolgreich und wirtschaftlich lukrative Verkaufszahlen zu erreichen, sondern auch ein regelmäßiges Output zu haben.
Da wir an der Schwelle zwischen professionellen Arbeiten und Amateur-Musikertum sitzen, ist schon deswegen eine Planung nicht sauber möglich. Wir planen ca. 5 Releases im Halbjahr und dann verschieben sich die Aufnahmen, die Bands lösen sich auf, sie bekommen ihr Artwork nicht pünktlich zusammen, die Tour wird aus privaten Gründen abgesagt, etc… und dann sitzen wir statt mit 5 geplanten, nur noch mit 3 tatsächlichen Releases da. Eine normale Situation, die aber wirtschaftlich schwer zu handhaben ist.

Würdest Du das Label mit Deinem jetzigen Wissen nochmal gründen?

Schwer zu sagen. Die Motivation, jeden Tag mit Freude an die Arbeit zu gehen und etwas Sinnvolles zu tun, was nicht einfach Lohnarbeit ist und ich auf die Uhr schauen muss, wann dieser Teil des Tages beendet ist, ist für mich wahrscheinlich die grundlegendste Überlegung für einen Job. Aus diesem Grund würde ich sagen, ja!

Was war dein größter Fehler in all den Jahren?

Mir diesen blöden Kunstlederstuhl von Ikea zu holen..

Das Thema Urheberrecht ist dank Piraten-Partei und Co ja derzeit überall präsent. Sven Regener hat vor kurzem dazu seine so genannte "Wut-Rede" gehalten und gesagt: "Die kleinen Labels sind alle weg. Was bleibt, ist Volksmusik, deutscher Schlager und Rockmusik für die Älteren" - hat er recht?

Es war nötig, dass jemand wie er sowas sagt. Und erstaunlicherweise hat diese Diskussion, die wahrlich nicht neu ist, es endlich geschafft in die breite Öffentlichkeit zu kommen. Das ist ein erster Schritt in die richtige Richtung, wenn man Musik ernsthaft „retten“ will. Ich glaube tatsächlich, dass der Respekt und die Wertigkeit von Musik zerstört ist. Und zu viele zu gerne auf ihrem iPhone Musik hören, aber weil es eben umsonst möglich ist, wird es austauschbar, egal, wertlos…  Musik kann nur wertig und wichtig bleiben, wenn sie eben „etwas wert“ ist. Und nur dann kümmern sich auch ernsthaft Leute und Labels um so etwas.

Und nochmal Regener: Da es uncool sei, sich über Raubkopien aufzuregen "halten alle schön die Schnauze und schauen weiter zu, wie alles den Bach runter geht" -  im Punk- und Indie-Bereich wahrscheinlich schon, oder?

Überall. Da gibt es kaum Unterschiede in den Genres. Vielleicht sitzen im Metal noch die echten Fans, die auch Shirts und Alben haben müssen.  Aber sonst wird die Luft immer dünner.

Ist Label-Machen heutzutage eher Hobby als eine echte Möglichkeit, seinen Lebensunterhalt damit zu bestreiten?

Ich verdien schon mein Geld damit, aber muss eben auch nebenbei immer mehr „Service- und Dienstleistung“ machen. Wenn es nur noch Hobby ist, kann man es in der regel nur kurze Zeit betreiben. Noiso gibt´s seit knapp 18 Jahren, warte ab, wenn wir erst mal den Führerschein machen dürfen…

Was sagst Du einer Band, die der Meinung ist, dass man heutzutage als Musiker besser alles selber macht, als ein Label zu beauftragen?

Ich klopfe ihnen auf die Schulter und sage, ihr seid die Geilsten! Wenn sie es dann noch auf die Reihe bekommen, klopfe ich nochmal. Wenn eine band es schafft, neben Musizieren, Proben, Touren auch die anderen Bereiche (Label, Verlag, Booking) selbstständig zu betreuen, haben sie eine Chance davon zu leben. Normalerweise braucht man für diese Bereiche aber eben auch Erfahrung, Kontakte, Knowhow, Struktur… und Zeit. Weswegen eine Band es oft nicht schafft, aber, je mehr man selber machen kann, desto lukrativer und desto eher kann man wirklich davon leben!

Sind Vinyl, hochwertige Sammler-Editionen und Merchandise eine Lösung - oder auch nur der berühmte Tropfen auf den heißen Stein?
Ergänzende Einnahmen. Je mehr man an den Seiten selber verdienen kann, desto besser. Um den Tropfen aufzunehmen… Viele Tropfen füllen das Meer!

Wo siehst Du Dein Label in zwei oder drei Jahren?

Keine Ahnung. Vielleicht mach ich zu, wenn ich ne dufte Idee für was anderes habe, Vielleicht kommt ein kleines Hoch, weil das meist mit einem einzigen Release zusammen hängt. Vielleicht ist Musik am Ende und in der Hand von Bohlen und Raab…

Ein guter Freund kommt zu Dir und sagt, er startet jetzt sein eigenes Label, weil er so viele gute Musiker kennt, die er veröffentlichen möchte. Was rätst Du ihm?

Wenn er Geld hat, soll er mein Label kaufen…

Noch etwas, das Dir zu diesem Thema wichtig ist?

Das ist ein Thema, mit dem ich mich täglich beschäftige, diskutiere und drüber nachdenken. Es gibt für jedes Beispiel zwei Gegen-Beispiele. Und – ähnlich wie im Fussball – jeder weiß Bescheid, kann mitreden und ist Fachmann. Aber wenn man sieht, wie hoch die Quote der Flops in dieser Branche ist, merkt man, das Musik einfach ein subjektives und emotionales Gut ist und das macht es so schwer und undankbar und gleichzeitig so spannend und schön!!!




Mehr Infos unter noisolution.de

1 Kommentar:

  1. Spannendes Thema, hoffentlich bekommt ihr Gelegenheit, mit sehr vielen verschiedenen Labels darüber zu reden!

    Freuen würde ich mich in dieser Reihe auch über Interviews mit X-Mist, ZickZack/WSFA oder The Ex (zwar ja aus Holland, aber seit 30+ Jahren eine der glücklichen Bands, denen Arne 2x auf die Schulter klopfen würde :)).

    Danke jedenfalls, und weiterhin viel Spass bei den Gesprächen! :)

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