Donnerstag, 5. Juli 2012

Montreal im Interview

Ist ein Job als Bankräuber erstrebenswert? Was macht man mit schnarchenden Freundinnen oder unsympathischen Vermietern? Und wieso kommt man nach zehn Jahren Bandgeschichte auf die Idee, seine neue Platte einfach selbst rauszubringen? Fragen über Fragen, mit denen wir Montreal-Sänger Hirsch im Zuge der Veröffentlichung des neuen Albums "Malen nach Zahlen" konfrontierten.



Erstmal Glückwunsch zur neuen Platte. Ich bin ja fast versucht zu sagen, es ist Eure beste - aber wie seht Ihr das denn? Mal abgesehen davon, dass Bands ihre aktuelle Platte ja sowieso immer für die beste halten....

Stimmt, Bands sollte frühestens ein Jahr nach Erscheinen des Albums erlaubt werden, dieses einzuordnen in eine persönliche Rangliste der eigenen Diskographie. Aber viele Freunde, Kollegen und Medien ums uns rum sehen es ähnlich wie du, insofern sind wir schon recht zuversichtlich, da nicht gerade unser schlechtestes Album rausgebracht zu haben.

"Malen Nach Zahlen" ist ja die erste Platte, die ihr komplett in Eigenregie herausgebracht habt. Hat sich das bisher als richtige Entscheidung erwiesen, oder gab es Tage wo Ihr Euch gewünscht hättet, es würde Euch jemand unter die Arme greifen?

Uns greifen ja nach wie vor sehr viele Leute unter die Ärmchen, an so ner Platte arbeiten deutlich mehr Piepel mit als nur wir drei, zumal wir uns immer sehr gern Rat von Aussen holen - aber wir geben eben erstmals komplett die Greifrichtung dieser Arme vor und das bereuen wir nicht eine Sekunde. Wir haben uns auch direkt nach Erscheinen noch nie so wohl gefühlt mit einem Album, wie jetzt mit diesem hier.

Ihr seid ja jetzt schon seit 10 Jahren dabei, habt den Niedergang der Musikindustrie mit erlebt und verfolgt ja auch die aktuellen Urheberrechtsdiskussionen. Wie haben sich in dieser Zeit die Rahmenbedingungen für eine Band wie Euch geändert, und ist es heute leichter oder schwerer, als Punkband unterwegs zu sein?

Da wir ja nie großartig von der Musikindustrie abhängig waren und/oder von ihr profitiert haben, tangiert uns das nicht so recht. Die unsagbar waisen Herren von "Fury in the Slaughterhouse" sangen einst "Every Generation got its own Disease" - wir haben das Glück, in einer Zeit zu leben, wo jeder zu erschwinglichen Kursen seine Musik in erträglicher Qualität aufnehmen und über Internet etc direkt an Leute zu bringen kann - vor 25 Jahren war es nahezu undenkbar, ohne Industrie im Rücken und somit auch im Nacken, die eigene Musik brauchbar zu vertonen und Leute zu erreichen. Der Einfluss von grossen Plattenfirmen wird erfreulicherweise immer kleiner, dafür muss unsere Generation sich eben mit Urheberrechtsvampiren rumschlagen - irgendwas ist immer... 

Lass uns ein bisschen über die Texte reden. In "Ihr Mieter/Feind" geht es um Probleme mit dem Vermieter. Wie viele Wohnungen habt Ihr denn schon wechseln müssen, weil Ihr mit den Vermietern nicht zurecht gekommen seid?

Der Mensch hat sich im Laufe der Jahrtausende über nahezu alle Fressfeinde in der Evolutionskette hinweg setzen können - der Vermieter an sich dürfte der letzte natürliche Feind des Homo Sapiens sein - und zwar leider ein sehr beharrlicher. Aktuell hab ich sowohl mit dem humorbefreiten Besitzer meiner alten Wohnung als auch mit dem mafiösen Wucherer unseres Proberaums unschöne Sachen am Laufen.

Gibt es die in "Hauptgewinn" besungene Dame mit dem ungepflegten Äußeren, dem lauten Schnarchen und dem unangenehmen Geruch eigentlich wirklich? Und wenn ja, kennt sie den Song?

Die gibt es in der Tat, sie kennt das Lied und wo du es sagst... ich sollte mich mal wieder bei ihr melden.

"Bernd, der Bankräuber" beschäftigt sich mit den Problemen, die dieser Beruf so mit sich bringt. Habt Ihr als Kinder selber mal davon geträumt, Banken zu überfallen - oder gab es da andere Vorstellungen vom Traumberuf?

Ich wollte als Kind (wie wohl jedes Kind) Müllmann werden, weil man da so lässig auf dem Trittbrett hinten durch die Stadt cruisen kann - später war mein Traumberuf Zirkuslastwagenfahrer, weil der immer umsonst in den Zirkus kann, aber nicht den gefährlichen Schabernack mitmachen muss - Bankräuber war stets eher sowas wie Plan B oder C aber seit es diese Zeitschlosstresore gibt, muss man schon SEHR verzweifelt zu sein, um sich den Stress zu machen - da gibt es lukrativere Möglichkeiten (hab ich gehört).

Das Stück "Wie kann man nur" beschreibt ja recht treffend sogenannte Fans, die Bands beim kleinsten Erfolg schon Abgehobenheit und Ausverkauf vorwerfen. Musstet Ihr Euch oft solche Vorwürfe anhören? Und lernt man mit den Jahren, mit sowas umzugehen, oder regt es einen immer noch auf?

Das Lied ist ja etwas schizo, zum einen ist es an Bands adressiert, bei denen wir derlei Entwicklungen meinen festgestellt zu haben, gleichzeitig wissen wir aber auch, wie es andersrum aussehen kann. Nerven tut das nicht, wenn die Kritik berechtigt ist. Über haltlose Rezis und Sell-Out Vorwürfe freuen wir uns glaub ich sogar etwas mehr, als über Lobhudelei. Favorit zu dieser Platte dürfte die Plattenbesprechung im Jutebeutelmagazin Intro gewesen sein - solange die uns nicht mögen, machen wir alles richtig.

"Die letzten Worte" sollte man sich lieber nicht anhören, wenn man Flugangst hat und demnächst einen Flieger besteigen muss. Seid Ihr nervös, wenn Ihr fliegen müsst?

Statistisch gesehen ist der Flugreisende weltweit seinen Leidensgenossen in Auto, Bus und Bahn nach wie vor klar im Überlebenswahrscheinlichkeitsvorteil! Doch das dürfte dem unglücklicherweise dann doch irgendwie beteiligten auf seinen letzten 10.000 Metern im Zweifel nur ein kleiner Trost sein. Wir als überzeugte Statistiker fühlen uns nur im Flugzeug richtig Wohl und sicher, dafür durchleiden wir im PKW (der alten Todesmaschine) jedes mal Höllenqualen.

Was ist in nächster Zeit bei Euch geplant? Ich nehme an, wieder so viele Konzerte wie nur irgendwie möglich?

Richtig! Wir spielen Festivals, dann Clubkonzerte und sind grad dran, ein paar alte Bandfreundschaften aufzufrischen und in Konzertform stattfinden zu lassen - ebenfalls sind wir mit "neuen" Bands was am planen dranne, wir wollen eben nach wie vor spielen, spielen, spielen.

Die berühmten letzten Worte?

Geht mal bitte alle auf die Facebook Seite von MOFA und belabert die zu einer Reunion und wenn ihr schon dabei seid, belabert auch mal die ein oder andere Punkband zum wieder aufhören. Verbindlichsten Dank.

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